Oma, Ahle Wurscht und Grimm




Achtung dieser Blogartikel enthält Wurstwaren! Sollten Sie als Vegetarier mit diesem Blogartikel in Kontakt gekommen sein, empfehle ich, alle Wurstinhalte durch eine Obst oder Gemüsesorte Ihrer Wahl auszutauschen. Eine vegetarische Version der Geschichte finden Sie am Ende des Blogartikels.



Vielen Dank für das Bild an die unabhängige und überparteiliche Ahle Wurscht Seite.
Vielen Dank für das Bild an die unabhängige und überparteiliche Ahle Wurscht Seite.

 

 

Die für meine Erzählerinnenkarriere wichtigste Person ist meine Oma.

 

Erna hieß sie und war die Mutter meines Vaters. Eine pragmatische, resolute Frau die nicht auf den Mund gefallen war und sich auch sonst ganz gut zu wehren wusste. Einmal hat sie doch tatsächlich Abends auf dem Friedhof einen meiner Punkerfreunde, als er sie nach der Uhrzeit fragen wollte, mit ihrer Handtasche in die Flucht geschlagen. Nun ja sie kannte ihn nicht und in diesem Fall schwappte wohl ihr immenses Fantasiepotential etwas über.


Fantasie hatte meine Oma. Sie war es, die seit ich die ersten Schritte laufen konnte, mit mir die Wälder und Parkanlagen unserer nordhessischen Heimat durchstreifte und dabei die abenteuerlichsten Geschichten erzählte.

 

Meine Oma Erna war eine Abenteurerin, jedenfalls für mich. Und genau wie ich, hatte sie eine besondere Liebe zum Abenteuer und zu Grimms Märchen.

 Abends nach dem Abendbrot, wenn ich im Schlafanzug in ihrer gemütlichen Küche auf dem Chaiselongue saß, las sie mir Märchen vor und sie wusste zu jedem dieser Märchen eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die sich gerade jetzt und heute an diesem oder jenem Ort zugetragen haben könnte.

 

Es war die schönste Kombination von Lesen und Erzählen, die ich jemals genießen durfte.

 

Wenn ich mit Ihr durch die Straßen unseres kleinen Städtchens ging, wenn wir Besuche im Altersheim machten oder in den Garten gingen, immer und überall wurden die Geschichten lebendig.

 

Aber nicht nur die Geschichten und Ausflüge waren es die die Besuche bei meiner Oma unvergesslich machten. Bei Ihr gab es eine besondere Spezialität und das war die Ahle Wurscht. Bei Oma Erna bekam ich Ahle Wurschtbrot so oft und soviel ich wollte, immer, fast immer...

 



Denn manchmal war die Ahle Wurscht noch nicht reif und musste erst trocknen und fest werden. Dann kam sie für Wochen, ja für gefühlte Jahre in die Speisekammer und da hing sie dann und ich drückte immer wieder sehnsüchtig mit den Fingern daran und konnte es kaum erwarten bis ich sie endlich essen durfte. Denn anschneiden und probieren durfte man sie schließlich auch nicht.

 

Die Ahle Wurscht war für mich ein echtes Schmeckewöhlerchen und übrigens eins starkes Argument niemals woanders als in Nordhessen leben zu wollen, denn bei dem anderen Teil meiner Familie, in Bremen, da gab es die nicht, nur Grünkohl mit Pinkel …  Aber dazu ein anderes Mal.

Ich liebte also meine Oma Erna und die Zeit mit Ihr über alles, ich liebte die Ahle Wurscht, deswegen liebte ich Nordhessen, aber nicht nur, und ich liebte Grimm Märchen.

 

Und das tu ich noch heute.

 

Ein Grimm Märchen das ich als Kind liebte, weil es mir immer einen leichten Gruselschauer über den Rücken jagte war: "Die wunderliche Gasterei" von Grimm.

 

Einst vermutlich von Amalie Hassenpflug zugetragen, die in Kassel lebte, das ja bekanntlich auch in Nordhessen liegt.

 


In diesem Schreckmärchen geht es um eine Blutwurst, die hinter einer Leberwurst her ist...

Für mich, die ich als Kind definitiv keine Leberwurst mochte, machte es in all den Jahren nie einen Sinn warum eine Blutwurst scharf auf eine Leberwurst sein könnte und darum hört und seht selbst wie es wirklich war.


Die Wunderliche Gasterei - Vegetarisch

 

Die wunderliche Gasterei für Vegetarier

 

Vor langer Zeit lebten eine Paprika und ein Grünkernbratling in Freundschaft, und die Paprika bat den Grünkernbratling zu Gast. Wie es Essenszeit war, ging der Grünkernbratling auch ganz vergnügt zu der Paprika, aber als er ins die Haus trat, da sah er allerlei wunderliche Dinge, auf  jeder Treppenstufe, von denen es viel gab, immer etwas anderes, da war etwa ein Gurkenhobel und ein Kartoffelschälmesser, die sich duellierten, ein Salatkopf hing welk über dem Treppengeländer und eine Zwiebel saß auf einer der Treppenstufen und weinte.


Und von diesen Dingen gab es noch viel mehr

 

Der Grünkernbratling war ganz erschrocken und bestürzt darüber, doch nahm er sich ein Herz, trat in die Stube und wurde von der Paprika freundschaftlich empfangen. Nach einger Zeit fing der Grünkernbratling an, sich nach den seltsamen Dingen zu erkundigen, die er draußen auf der Treppe gesehen hatte, die Paprika tat aber, als hörte sie das nicht, oder als sei es nicht der Mühe wert davon zu sprechen, oder aber sie sagte etwa von dem Gurkenhobel und dem Kartoffelschälmesser:

 

"Ach, das wird meine Putzfrau gewesen sein, die auf der Treppe mit jemand geschwätzt hat",

 

und brachte dann die Rede schnell auf etwas anderes. Die Paprika ging darauf hinaus und sagte, sie müsse einmal in der Küche nach dem Essen sehen, ob alles ordentlich angerichtet werde, und nichts in die Asche geworfen.

 

Wie der Grünkernbratling derweil im Zimmer auf- und abging und immer diese wunderlichen Dinge im Kopf hatte, kam jemand herein, ich weiß nicht mehr, wers gewesen ist, und sagte:

 

"Grünkernbratling, Ich warne dich, du bist in eine Blut- und Mörderhöhle geraten, mach dich eilig fort, wenn dir dein Leben lieb ist."

 

Der Grünkernbratling besann sich nicht lang, schlich zur Tür hinaus und lief, was er konnte; und blieb auch nicht eher stehen, bis er aus dem Haus mitten auf der Straße war.

 

Da blickte er sich um, und sah die Paprika, ganz rot, oben im Bodenloch stehen mit einem langen, langen Messer, in der Hand und das blinkte, als wärs frisch gewetzt:

 

"Grünkernbratling! Hätt ich dich, so wollt ich dich!"

 

Copyright © Kirsten Stein - Erzählkunst aus Nordhessen