Warum professionelle Erzähler nicht kostenlos arbeiten wollen?!

"Die künstlerische Darbietung von Texten erfordert Begabung, Erfahrung und Fachwissen und ist nicht zu vergleichen mit einer Geschichte die einfach so dahin erzählt wird."

 

Lieber potentieller Zuhörer, Kunde, Veranstalter,

 

Wir Erzähler erhalten regelmäßig Anfragen nach kostenlosen bzw. günstigen Erzählauftritten.

Im Idealfall wäre jeder von uns gern in der Lage, positiv auf solche Anfragen zu reagieren. Ganz besonders, wenn es um Projekte oder Bemühungen für die Bildung, soziale Themen und den Umweltschutz geht.

 

Leider ist es im praktischen Leben so, dass wir häufig nicht in der Lage sind auf solche Anfragen zu reagieren, oder wenn wir es tun, dann sind unsere Antworten kurz und legen unsere Gründe für eine ablehnende Antwort nicht verständlich genug dar.

 

Die Umstände und Anfragen sind jedes Mal andere, doch ich habe mit der Zeit festgestellt, dass es eine Reihe von Themen gibt, die immer wieder auftauchen. Auf diese gehe ich im Folgenden näher ein, damit Missverständnisse möglichst vermieden werden und mehr Verständnis für den Erzählkünstler und die Erzählkunst entsteht.

 

 

Wir leben von unseren Erzählungen

 

Wir leben davon, dass wir eindrucksvolle Bilder und Geschichten in die Köpfe der Menschen zaubern und unseren Zuhörern ein besonderes Erlebnis schaffen. Wenn wir unsere Erzählkunst kostenlos abgeben oder zu viel Zeit für die Beantwortung von Anfragen nach kostenlosen Engagements aufwenden, können wir unseren Lebensunterhalt nicht bestreiten.

 

Wir unterstützen die gute Sache durchaus mit unserer Erzählkunst

 

Die meisten von uns leisten, mal mehr und mal weniger, einen Beitrag, um bestimmte Projekte zu unterstützen. Oftmals beteiligen wir uns direkt an den Projekten, die wir mit unserer Kunst unterstützen, oder es besteht bereits eine persönliche Verbindung zu Menschen, die bei den betreffenden Projekten eine wichtige Rolle spielen. Das heißt, jeder von uns kann sich gelegentlich bei einer Auswahl von Projekten mit der Bereitstellung von kostenlosen Auftritten beteiligen und tut das auch.

 

Begründungen wie „Wir haben kein/wenig Geld“ sind für uns oftmals schwer nachzuvollziehen

 

Der Hauptgrund, der bei fast allen Anfragen nach kostenlosen oder günstigen Auftritten angegeben wird, ist ein knappes Budget, d.h. der “Bittsteller” beruft sich darauf, es sei kein Geld vorhanden.

Solche Anfragen kommen häufig von Organisationen, die über beträchtliche liquide Mittel verfügen, seien es börsennotierte Unternehmen, staatliche oder halbstaatliche Stellen oder gar Nichtregierungsorganisationen. Schaut man sich den Jahresabschluss oder ähnliche Dokumente zur Offenlegung der Finanzen an, stellt sich oftmals heraus, dass die betreffende Organisation oder das Unternehmen Zugang zu beträchtlichen Finanzmitteln hat, die durchaus ausreichen würden, um Erzählern ein angemessenes Honorar zu zahlen, wenn man nur wollte.

Häufig sind es offenbar die Erzähler, die von allen an einem Projekt oder einer bestimmten Aktion Beteiligten gebeten werden, ihre Arbeit kostengünstig/kostenlos zur Verfügung zu stellen.

 

Die Erzählkunst hat eine Wertschätzung durch angemessene Bezahlung verdient.

 

 


Erzähler unterliegen finanziellen Zwängen

 

Meist haben wir diesen Weg wegen unserer Leidenschaft für Sprache und Kommunikation, die bildenden Künste und die Themen auf die wir uns spezialisieren, gewählt.

 

Unser Beruf ist von Natur aus arbeitsintensiv. Wir erarbeiten regelmäßig neue Programme und Texte und frischen alte Texte auf. Jeder Kunde wird individuell berücksichtigt und bekommt das für Ihn zugeschnittene Programm.

 

Darüber hinaus verbringen viele von uns einen Großteil ihrer Arbeitszeit auf Reisen und haben teilweise hohe Reisekosten.

Und dann, und das ist vielleicht am Wichtigsten, sind da natürlich die nicht unerheblichen Kosten, die wir für die Zeit unserer Ausbildung und für weitere Fortbildungen aufbringen.

 

Die künstlerische Darbietung von Texten erfordert Begabung, Erfahrung und Fachwissen und ist nicht zu vergleichen mit einer Geschichte die einfach so dahin erzählt wird.

 

Unter dem Strich ist es also so, dass wir durchaus Verständnis für schmale Budgets haben, wir es uns aber aus praktischer Sicht nicht leisten können, jeden, der uns fragt, zu unterstützen.

 

 

Eine namentliche Nennung bringt nicht viel

 

Häufig bietet man uns bei Anfragen nach kostenlosen Darbietungen aufgrund knapper Mittel als Gegenleistung anstelle einer wirtschaftlichen Bezahlung an, unser Ansehen zu erhöhen oder Werbung für uns zu machen, sei es mittels eines Links oder sogar durch eine besondere Erwähnung in einem Presseartikel.

 

Da gibt es zwei Knackpunkte.

 

Erstens ist eine namentliche Nennung keine Gegenleistung. Schließlich hat der Erzähler die Veranstaltung bereichert. Wenn also Erzähler mit ihrem Namen erwähnt werden, so ist das eine Selbstverständlichkeit und nichts, dass freundlicherweise gewährt wird.

 

Zweitens können Erzähler mit einer namentlichen Nennung keine Rechnungen bezahlen.

 

Ein Erzähler benötigt wie jeder andere genügend Einnahmen, um für die Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wohnen, Beförderungsmittel usw. aufkommen zu können.

 

Hier sei noch einmal wiederholt:

 

Eine namentliche Nennung für eine Darbietung die wir Erzähler geschaffen haben, ist keine Gegenleistung und kann die Bezahlung dafür nicht ersetzen.

„Sie sind der einzige Erzähler, der kein Verständnis hat“

 

Wenn wir Erzähler dann doch einmal Zeit haben, mit den Leuten und Organisationen zu korrespondieren, die kosten- lose Darbietungen von uns haben wollen, bringt man uns manchmal Unverständnis entgegen. Es wird uns dann versichert, dass alle anderen Erzählkünstler, die die Person oder das Unternehmen kontaktiert habe, mehr als erfreut gewesen seien, umsonst zur Verfügung zu stehen, und dass wir der einzige sind, der kein Verständnis zeigt.

 

Ich weiß, dass das nicht stimmt!

 

Ich gestehe aber ein, dass möglicherweise einige unerfahrene Erzähler oder einfach nur Menschen, die ab und zu einmal erzählen, tatsächlich umsonst arbeiten, doch auch hier gilt der Spruch „Qualität hat ihren Preis“.

 

Geben Sie bitte eine Rückmeldung

Eine andere Erfahrung, die wir alle schon gemacht haben, wenn wir uns kostenlos zur Verfügung gestellt haben, ist, dass wir keine Rückmeldung oder weiteren Informationen dazu erhalten, wie sich die Aktion oder das Projekt ent- wickelt haben, welche Ziele gegebenenfalls erreicht wurden und wofür unser Einsatz überhaupt gut war.

 

Allzu häufig bekommen wir überhaupt keine Antwort auf E-Mails, die wir versenden, um etwas über den Verlauf von Aktionen oder Projekten zu erfahren.

 

Seien Sie also bitte so freundlich, den Erzähler zu informieren, wie die Sache gelaufen ist, wenn wir uns schon einmal bereit erklären, umsonst zu arbeiten. Wertschätzung trägt wesentlich dazu bei, dass wir uns in Zukunft weiter zur Verfügung stellen.

 


Zu guter Letzt

 

Ich hoffe, dass Sie nach der Lektüre der angeführten Argumente besser verstehen, warum Erzähler nicht kostenlos arbeiten können.

 

Wir alle sind Vollprofis und würden uns freuen, eine für beide Seiten nutzbringende Geschäftsbeziehung mit Ihnen einzugehen.

 

 


 

 

 

Zur Person:

 

Wer die ausgebildete Erzählkünstlerin Kirsten Stein auf der Bühne erlebt weiß: Erzählen ist ihre Berufung und sie tut es mit Herzblut. Vielleicht liegt ihr großes Erzähltalent und ihre Liebe zu Märchen daran, dass sie in Nordhessen in einer scharfen Kurve der deutschen Märchenstraße geboren wurde, zwischen Dornröschens Schloss und Rapunzels Turm. Hinzu kamen die Abenteuer der Kindheit, Herausforderungen, Heldentaten, Glücksfälle, Wunder und die Erkenntnis, dass das Leben immer gut für eine Geschichte ist.

 

Sie perfektionierte ihre Leidenschaft und ihr Talent bei einer Ausbildung im Raile Institut für Erzählkunst. Mit ihrem märchenhaften Temperament und Humor, ihrer Authentizität und Lebendigkeit erweckt sie Worte zum Leben und schickt die Phantasie auf Reisen.

 

• Gründungsmitglied im Verband der Erzählerinnen und Erzähler e.V.

• Zertifiziertes Mitglied der Erzählergilde der Europäischen Märchengesellschaft

• Member of International Storytelling Network

 

Wald- und Erlebnispädagogin und Erzieherin

 

www.natuerlichmaerchen.de

 

Dieser Text wurde mit ausdrücklicher Genehmigung nachempfunden von “Warum Fotografen nicht umsonst arbeiten können”. Vielen Dank!

 

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